Impuls zum 4. Januar 2027
Von Klaus Hagedorn (Oldenburg), Kommission Aktive Gewaltfreiheit und pax christi Münster
„Hin zu einem unbewaffneten und entwaffnenden Frieden“
Der jährliche Weltfriedenstag geht zurück auf eine Initiative Papst Pauls VI. und wurde erstmals am 1. Januar 1968 begangen. In diesem Jahr ist er von Leo XIV. unter das Leitwort gestellt: „Der Friede sei mit euch allen: Hin zu einem unbewaffneten und entwaffnenden Frieden“. Er will inspirieren und motivieren, die Logik von Gewalt und Krieg abzulehnen und sich für einen authentischen Frieden mit der je eigenen Kraft einzusetzen. Papst Leo erinnert in seiner Botschaft zum 1.1.2026 an Augustinus von Hippo: „Wenn ihr andere zum Frieden führen wollt, möget ihr ihn erst selbst in euch haben und in ihm gefestigt sein. Um andere zu entflammen, muss sein Licht in euch brennen.“
Leo XIV. führt in seiner Botschaft aus: Ein solcher Frieden ist „unbewaffnet“, das heißt, nicht beruhend auf Angst, Drohungen oder Waffen. Und er hat „entwaffnend“, also auch abrüstend zu sein, d.h. in der Lage, Konflikte zu lösen und gegenseitiges Vertrauen, Empathie und Hoffnung zu stiften. Es reicht nicht aus, allein mit Worten zum Frieden aufzurufen; es braucht weit mehr Taten - also konkrete Schritte - und einen Lebensstil, der jede Form von Gewalt ablehnt: konkret persönlich ausgeübte Gewalt wie auch strukturelle und politisch wirkende Gewalt. Frieden darf nicht „als ein fernes Ideal“ angesehen werden. Denn dann, so der Papst, „finden wir es nicht mehr skandalös, dass er verweigert werden kann und dass sogar Kriege geführt werden, um Frieden zu erreichen. … Wenn der Friede keine gelebte Wirklichkeit ist, die es zu bewahren und zu pflegen gilt, dann macht sich Aggressivität sowohl im privaten als auch im öffentlichen Leben breit. … Auf der politischen Ebene ist diese Logik der Gegensätzlichkeit der derzeit relevanteste Umstand für die globale Destabilisierung, die jeden Tag dramatischer und unvorhersehbarer wird. … Tatsächlich stehen Abschreckungspotential durch Macht und insbesondere nukleare Abschreckung für die Irrationalität von Beziehungen zwischen Völkern, die nicht auf Recht, Gerechtigkeit und Vertrauen beruhen, sondern auf der Angst und der Herrschaft der Stärke.“ Eine beispiellose Spirale der Zerstörung des Humanismus zeichnet sich ab, auf dem jede Zivilisation im Kern beruht und durch den diese geschützt werden soll.
Die Religionen haben dieser Entwicklung aktiv entgegenzutreten, insbesondere, wenn Nationalismus gepriesen und Gewalt und bewaffneter Kampf religiös gerechtfertigt werden, was Blasphemie ist. Es brauche immer wieder neu Orte, wo Feindseligkeit durch Dialog entschärft wird, wo Gerechtigkeit, Vergebung und Versöhnung gelebt werden. Die Evangelien legen diesen Weg Jesu – d.i. eine gewaltfreie Antwort auf erfahrene Gewalt - offen, der schon zu Lebzeiten des Nazareners seine Freunde verstörte. „Der Friede des auferstandenen Jesus ist unbewaffnet, weil sein Kampf unter ganz bestimmten historischen, politischen und sozialen Umständen unbewaffnet war. Die Christen müssen von dieser Neuheit gemeinsam prophetisch Zeugnis ablegen, eingedenk jener tragischen Ereignisse, an denen sie allzu oft mitgewirkt haben“, so Leo XIV.
Quelle - Vatikan News vom 8.12.2025: https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2025-12/botschaft-papst-leo-weltfriedenstag-1-1-2026-wortlaut-deutsch.html
Ich stelle mich
Ich stelle mich auf die Seite des Friedens.
Ich stelle mich auf die Seite der Opfer.
Ich stelle mich nicht taub.
Ich stelle mich zu denen,
die nach einer neuen Orientierung fragen.
Ich stelle mich zu denen,
die für mehr Gerechtigkeit und Frieden eintreten.
Ich stelle mich zu denen,
die anderer Ansicht sind.
Ich stelle mich zu denen,
die für die Zukunft kämpfen.
Ich stelle mich zu denen,
die den ersten Schritt tun.
Ich stelle mich zu denen,
die meine Solidarität brauchen.
Ich stelle mich –
und stelle mich manchmal bloß.
Ich stelle mich –
nicht immer ohne Scheu.
Daher bitte ich: Gott, blicke auf mich.
Ich stelle mich zu denen,
die aus dem Geiste Jesu leben.
Ich glaube an die Kraft dieses Geistes.
Daher bitte ich: Gott, blicke auf mich.
„Friede sei mit euch“ – Der Zuspruch in Johannes 20,19-22
Am Abend des ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen waren, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.
Frieden braucht eine gewaltfreie Haltung und
ein Aufbrechen zu einem Weg der Vergebung und Versöhnung
Wer die Welt mit wachen Augen betrachtet, entdeckt Unrecht und Unvernunft, Elend und Gier, Krisen und Kriege mit weltweiten Auswirkungen. Wohin soll das alles führen? Schon lange war das alles nicht mehr so virulent, so omnipräsent und so gefährlich wie heute. Da kann Mensch Angst und Bange werden.
Wenn Angst unseren Alltag bestimmt, dann machen wir meistens „dicht“, verrammeln unsere „Türen“ und schotten uns ab. Wir rüsten uns zu. Wir errichten Mauern und Zäune, um uns zu schützen und die eigenen „Schäfchen ins Trockene zu bringen“. Wir tun dann so, als wenn uns der Rest der Welt nichts angeht. Regionaler Egoismus, Nationalismus, Separatismus stehen aber nicht in unserem „Sende-Programm“. Das Christentum sieht unseren Planeten mit allem Leben als eine Einheit. Es vertritt damit eine Sicht, wie sie zeitgemäßer nicht sein kann. Diese ist nicht nur von der Urkunde unseres Glaubens vorgegeben; sie ist auch klug und weitsichtig. Wir erfahren heute mehr denn je: In dieser Welt hängt alles mit allem untrennbar zusammen; in dieser Welt sind alle mit allen verbunden, ja vielfach verlinkt. Deshalb braucht es so dringlich die Ermutigung zur Suche nach Wegen hin zu einem unbewaffneten und entwaffnenden gerechten Frieden.
In der Bibelstelle zur Begegnung der zurückgezogen-ängstlichen Jünger mit dem nachösterlichen Jesus wird diesen nicht einfach nur Mut zugesprochen, sondern Frieden – dies gleich zweimal! Dieser Frieden ist angesichts erfahrener Bedrohung zunächst nichts anderes als eine Zusage für eine Art inneren Frieden, der nicht verzweifeln und in Dunkelheit versinken lässt. Es geht um die glaubende Gelassenheit, angesichts drohender Gefahren nicht in Angst und Mutlosigkeit zu verharren und dicht zu machen. Es geht darum, furchtlos die Dinge zu betrachten und sodann klug und mutig den „nächsten“ Schritt zu setzen. Es geht darum, jeglicher Passivität durch gespürte Ohnmacht und jeglichem Dichtmachen zu widerstehen.
Abschottung und Zurückgezogenheit sind oft auch Erfahrungen von „Tod“ innerhalb des Lebens. Dem von Jesus zugesprochenen Frieden geht es darum, sich dem Tod zu Lebzeiten, also „vor der Zeit“ zu verweigern. Mit der Zusage des Friedens werden die Jünger zu neuem Aufbrechen motiviert, zu einem Alternativkonzept gegenüber jenen Mechanismen, in denen Menschen sich gegenseitig ängstigen und töten. Sie werden zu einem Statement gegen einen „Tod im Leben“, indem sie neu „auf Sendung“ gehen.
Der Frieden, den Jesus zuspricht, beinhaltet eine Kraft zur Vergebung. Diese Kraft blickt auf einen unbewaffneten und entwaffnenden Weg zum Frieden. Im Kampf gegen das Böse ist nicht die Vernichtung der Feinde das Ziel, sondern ihre Erlösung durch Vergebung. Weil Gott eine Liebe ist, die sich selbst hingibt, ist seine Macht total anders als das, was wir Menschen uns normalerweise darunter vorstellen. Alle Vorstellungen von Macht und Herrlichkeit, von Kraft und Herrschaft werden neu gefüllt. Der nachösterliche Jesus schickt seine Leute hinaus in einen Anders-Kampf, der in mutiger, angstfreier Vergebungs- und Versöhnungsarbeit besteht – unausrottbare Dialogbereitschaft und Dialoginitiative inbegriffen.
Der Evangelist Johannes schildert die Worte Jesu als Zuspruch, nicht als Forderung oder Anspruch. Im Zentrum steht: „Friede sei mit euch!“ Es ist die Einladung: Lasst euch von diesem Friedensgeist erfüllen und durch ihn aufrichten. Da geht es nicht einfach um Auftrag oder Befehl. Vielmehr drückt sich hier die Bitte um Bereitschaft aus, Gott handeln zu lassen – durch mich, durch uns.
Für mich bedeutet dieser besondere Zuspruch vor allem eine Frage: Wessen Geistes Kind bin ich? Bin ich dem Geist Jesu verbunden, einer Macht furchtloser Vergebung, die auch verwundbar macht? Wo stehe ich in den Konflikten unserer Zeit? Stehe ich überhaupt irgendwo, oder halte ich mich einfach heraus und mache „dicht“?
Ich habe gelernt: In bedrängenden Situationen geht es nicht darum, Gewissheit über die Zukunft haben zu wollen, sondern den nächsten Schritt zu setzen. Hoffen und für Frieden arbeiten besteht im Tun des nächsten Schritts. Der englische Theologe John Henry Newman hat dies in einem Gebet so formuliert: „Führe mich, o freundliches Licht, durch die Düsternis, die mich umgibt. Führe du mich weiter. Die Nacht ist schwarz, und ich bin der Heimat fern. Führe du mich weiter; ich wünsche nicht zu sehen, was in der Ferne liegt; der nächste Schritt jetzt ist genug für mich.“
Ökumenisches Friedensgebet aus 2022
Gott unseres Lebens, wir sehnen uns danach,
miteinander in Frieden zu leben.
Wenn Egoismus und Ungerechtigkeit überhandnehmen,
wenn Gewalt zwischen Menschen ausbricht,
wenn Versöhnung nicht möglich erscheint,
bist du es, der uns Hoffnung auf Frieden schenkt.
Wenn Unterschiede in Sprache, Kultur oder Glauben uns vergessen lassen,
dass wir deine Geschöpfe sind und
dass du uns die Schöpfung als gemeinsame Heimat anvertraut hast,
bist du es, der uns Hoffnung auf Frieden schenkt.
Wenn Menschen gegen Menschen ausgespielt werden,
wenn Macht ausgenutzt wird, um andere auszubeuten,
wenn Tatsachen verdreht werden, um andere zu täuschen,
bist du es, der uns Hoffnung auf Frieden schenkt.
Lehre uns, gerecht und fürsorglich
miteinander umzugehen und
der Korruption zu widerstehen.
Schenke uns mutige Frauen und Männer,
die die Wunden heilen,
die Hass und Gewalt an Leib und Seele hinterlassen.
Lass uns die richtigen Worte, Gesten und Mittel finden,
um den Frieden zu fördern.
In welcher Sprache wir dich auch als
"Fürst des Friedens" bekennen,
lass unsere Stimmen laut vernehmbar sein
gegen Gewalt und gegen Unrecht. Amen.
Wünsche für die Tage in 2026
Immer dann, wenn die Liebe nicht ganz reicht,
wünsche ich dir Großherzigkeit.
Immer dann, wenn sich bei dir Misstrauen rührt,
wünsche ich dir einen Vorschuss an Vertrauen.
Immer dann, wenn du keine Möglichkeiten siehst,
wünsche ich dir die Zusage, dass es mehr Möglichkeiten für dich gibt, als du ahnst.
Immer dann, wenn du auf Revanche sinnst,
wünsche ich dir Mut zum Verzeihen.
Immer dann, wenn du an dir zweifelst,
wünsche ich dir einen Menschen, der hinhört, was dich umtreibt.
Immer dann, wenn du glaubst, dass es nicht gut ausgeht,
wünsche ich dir die ahnende Gewissheit, dass dein Engagement Sinn hat, egal wie es ausgeht.
Immer dann, wenn du eine Krise spürst,
wünsche ich dir die Einsicht, dass du gerade durch sie hindurch wachsen und reifen kannst.
Immer dann, wenn dir der Kragen platzt,
wünsche ich dir tiefes Aus-Atmen.
Immer dann, wenn du gerade aufgeben willst,
wünsche ich dir Kraft zum nächsten Schritt.
Immer dann, wenn du Unsicherheit spürst,
wünsche ich dir Vertrauen in deine eigene Intuition.
Immer dann, wenn dir Zuversicht fehlt,
wünsche ich dir, dass du einen Menschen
um ein ermutigendes Wort
oder eine ermutigende Umarmung bitten kannst.
Ein Segenswort
Geht in der Kraft, die euch gegeben ist,
geht einfach, bleibt bewegt, geht mit Zuversicht,
in vielem, trotz vielem, vielem zum Trotz,
und haltet Ausschau nach Liebe, Frieden und Gerechtigkeit
und Gottes Geistkraft geleite Euch - immer! Amen.