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Maillé

Spuren der Vergangenheit

Von Johannes Kirsch

Im rund 40 km südlich von Tours gelegenen Dorf Maillé hat am 25. August 1944, wenige Tage vor dem Rückzug der deutschen Besatzungsmacht aus der Region, die Waffen-SS 124 Dorfbewohner:innen, ein Drittel von ihnen Kinder, ermordet und das Dorf, das damals rund 500 Einwohner:innen hatte, anschließend durch Granatbeschuss zu einem großen Teil zerstört. In wenigstens neun weiteren Orten Frankreichs verübten Deutsche im Jahr 1944 ähnliche Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung. Hierzulande am bekanntesten ist das Massaker in Oradour-sur-Glane. Maillé stand demgegenüber lange Zeit im Schatten der Erinnerungskultur, was sicherlich auch daran liegt, dass das Massaker dort genau an dem Tag stattfand, an dem Paris befreit wurde.  

Gedenken

Nachdem die Anwesenheit von Deutschen bei den jährlich am 25. August in Maillé stattfindenden Gedenkfeiern viele Jahre lang undenkbar war, werden seit 2019 Delegationen u.a. des Vereins „Gegen das Vergessen – Für Demokratie“ und der deutschen Sektion von pax christi zur Teilnahme eingeladen. Dies geht auf deutscher Seite entscheidend auf die persönlichen Kontakte (u. a. zum ehemaligen Bürgermeister von Maillé Bernard Eliaume) und das Engagement von Friedhelm Boll zurück, der langjähriges pax christi-Mitglied, als Historiker Experte für Erinnerungsarbeit und Zeitzeugengespräche ist und im wissenschaftlichen Beirat von pax christi mitarbeitet. Ein besonderer Meilenstein in der Reihe der Gedenkfeiern war sicherlich diejenige zum 80. Jahrestag des Massakers, zu der 2024 unser pax christi-Präsident Bischof Kohlgraf eingeladen worden war, die Eucharistiefeier zusammen mit dem Bischof von Tours zu zelebrieren und eine Rede zu halten, die viele sehr bewegt hat. (Ein Bericht von Friedrich Boll über diese Gedenkfeier ist auf www.paxchristi.de zu finden.) 

Bei der diesjährigen Gedenkfeier durfte ich als Vertreter von pax christi teilnehmen und neben vielen anderen Organisationen an der Gedenkstele für die Opfer des 25. August 1944 ein Blumengebinde niederlegen. An die eigentlichen Gedenkfeierlichkeiten schlossen sich – wie in den meisten letzten Jahren auch – am Nachmittag des 25.08. und am Folgetag Gespräche der deutschen Delegationen mit Zeitzeug:innen an – mittlerweile eine Tradition, die auf eine Initiative von Friedhelm Boll zurückgeht. Der Leiter, des seit 2006 in Maillé bestehenden Maison du Souvenir (dessen Arbeit einen eigenen Bericht wert wäre), Romain Taillefait, hatte hierzu zum einen zwei direkte Zeitzeuginnen, die das Massaker als kleine Kinder erlebt haben, gewonnen; zum anderen zwei Betroffene der zweiten Generation: In einem Fall den Sohn eines Überlebenden und im anderen die Nichte eines Überlebenden; letztere haben beide den Tod von Elternteilen durch das Massaker erlitten. 

Erinnerungsarbeit

In den vorliegenden Berichten über die Erinnerungsarbeit in Maillé wird immer wieder herausgestellt, dass die Zeitzeug:innen nicht nur unmittelbar nach dem Massaker, sondern auch in den folgenden Jahrzehnten nicht über ihre konkreten Erinnerungen an den 25. August geredet haben, den Aussagen zufolge auch nicht im privaten Kreis. So beschränkte sich die Erinnerungskultur in Maillé seinerzeit auf die Gedenkveranstaltungen, die jährlich am 25. August begangen wurden. Das Dorf wurde in wenigen Jahren wieder aufgebaut und die Spuren der Zerstörung vollständig beseitigt. Auch unsere Gesprächspartner:innen sagten, dass es unter den Zeitzeug:innen lange eine Art stillschweigende kollektive Übereinkunft gab, über die Ereignisse des 25. August 1944 nicht zu reden. 

Nachdem man die Toten begraben hatte, bemühte man sich, unter den gegebenen Bedingungen rasch zur einer Art Normalität zurückzukehren. So erinnern sich die beiden direkten Zeitzeuginnen in unserem Gespräch daran, dass der Schulunterricht fortgesetzt wurde, als sei nichts geschehen; in den Tagen nach dem Massaker hätten ihre Lehrer mit keinem Wort über die Ereignisse gesprochen, wobei sie als Kinder auch nicht danach gefragt hätten. Dass die Erlebnisse der Überlebenden vielfach derart grausam waren, dass sie jede erzählende Erinnerung daran vermieden, konnte ich bei dem Gespräch nachvollziehen, als eine der Zeitzeug:innen der zweiten Generation berichtete, dass ihr Großvater das Massaker, bei dem seine Frau ermordet wurde, bei der Feldarbeit hilflos mitbekam und nicht hinzueilen konnte, weil die Waffen-SS das Dorf umstellt hatte. Ihr Großvater habe bis zu seinem Lebensende mit niemandem darüber gesprochen, wie er diesen Tag erlebt hat. 

Lebenswege

Das Massaker hat vielfach auch deutliche Spuren in den Lebenswegen der Kinder von Überlebenden hinterlassen; insofern sind Zeitzeugengespräche auch mit Angehörigen der „zweiten Generation“ – die oft erst Ende der 1950er Jahre geboren wurden – sinnvoll und relevant. So berichtete einer von ihnen bei dem Gespräch am 26. August, dass er jahrzehntelang keine Beziehung zu seiner Mutter hatte, die – wie er später erfuhr – als zehnjähriges Kind bei dem Massaker zur Waisen geworden war. Sie wuchs in den darauffolgenden Jahren unter schwierigen Bedingungen in einer Pflegefamilie auf. Als sie mit 25 Jahren Mutter wurde, war sie von der Situation überfordert und gab ihren Sohn (unseren Gesprächspartner) zur Adoption frei. Erst mehr als vier Jahrzehnte nach seiner Geburt kam es auf seine Initiative hin zu einer Begegnung zwischen den beiden, bei der er in ihrer Wohnung ein Bild mit ihren Eltern entdeckte und erst in dem Moment erfuhr, dass er Enkel eines bei dem Massaker Ermordeten ist. Vor diesem eigenen biographischen Hintergrund entwickelte er ein starkes Interesse an den Lebensgeschichten (récit de vie) Überlebender und konnte nicht wenige von ihnen dazu motivieren, sie ihm zu erzählen. Als ausgebildeter „Geschichtenerzähler“ (raconteur) gibt er diese heute in verdichteter Form bei Gedenk- und Bildungsveranstaltungen wieder.

Als Gäste aus Deutschland dankten wir den Zeitzeug:innen für ihre beeindruckenden und emotional berührenden Berichte; unser Dank galt ebenso Romain Taillefait für die Vorbereitung der Gespräche und die Vermittlung der Gesprächspartner:innen. Wir gingen in der Hoffnung auseinander, dass die Reihe der Zeitzeugengespräche in Maillé 2027 fortgesetzt werden kann.

Johannes Kirsch ist Mitglied im pax christi-Bundesvorstand, im Diözesanvorstand von pax christi Paderborn tätig und arbeitet in der Kommission Migration mit.