Osteuropa
Von Martin Pilgram
Finnland und die baltischen Staaten sehen sich von Russland zunehmend bedroht – Grenzlage und historische Erfahrungen sind dafür ausschlaggebend. Die Folge davon: Sie rüsten auf, ebenso wie Polen und Dänemark. Kann das jedoch als Entscheidungsgrundlage für Deutschland herangezogen werden?
Entwicklungen in Nord- und Osteuropa dienen oft als Referenz für die Steigerung der deutschen Kriegstauglichkeit, wobei eine kritische Analyse dieser Modelle häufig zu kurz kommt. Beispiele sind die verlängerte Wehrpflicht in Dänemark (von 4 auf 11 Monate), der finnische Bunkerbau sowie NATO-Pläne zur Stationierung von Atomwaffen in der Region.
Die hohe Aufrüstungsbereitschaft dieser Staaten resultiert aus einem massiv gestiegenen Sicherheitsbedürfnis, insbesondere nach dem russischen Angriff auf die Ukraine. Während ab 2004 ein unverbindliches Zwei-Prozent-Ziel für Ausgaben galt, beschlossen die NATO-Partner auf dem Gipfel 2025 in Den Haag eine historische Erhöhung auf insgesamt 5 Prozent des BIP (3,5 Prozent direkte Verteidigungsausgaben und 1,5 Prozent für weitere relevante Bereiche).
Die Sicherheitslage in Nord- und Osteuropa ist eine andere als in Deutschland
Finnland und die baltischen Staaten sehen sich aufgrund ihrer Grenzlage zu Russland und Belarus sowie historischer Erfahrungen (Sowjetunion) einer permanenten Bedrohung ausgesetzt. In Estland und Lettland werden zudem die russischen Minderheiten (ca. 25 Prozent der Bevölkerung) als Sicherheitsrisiko eingestuft.
Strategisch kritisch ist der Suwałki-Korridor, die einzige Landverbindung zwischen den mitteleuropäischen NATO-Staaten und dem Baltikum, welche gleichzeitig die Verbindung zwischen Belarus und der Exklave Kaliningrad darstellt. Polen hat an seiner Grenze einen 200 km langen, hochgesicherten Grenzzaun zu Belarus errichtet, in erster Linie zur Unterbindung von Schleusungen.
Aufgrund dieser Lage haben alle betroffenen Länder ihre Verteidigungsausgaben zwischen 2021 und 2025 verdoppelt und streben nun das 5-Prozent-Ziel an.
Laut einer Studie des ifo Instituts erreichten 2023 nur Estland und Litauen das Zwei-Prozent-Ziel bei soliden Staatsfinanzen. Im laufenden Jahr werden voraussichtlich fünf Staaten die 3,5-Prozent-Marke überschreiten, angeführt von Litauen (5,33 Prozent), Estland (5,1 Prozent), Lettland (4,92 Prozent), Polen (4,68 Prozent) und Griechenland (3,65 Prozent). Zum Vergleich liegen die USA bei 3,17 Prozent.
Wehrpflicht und militärische Kapazitäten in Nord- und Osteuropa
In den baltischen Staaten besteht eine aktive Wehrpflicht für Männer, wobei die Einberufungsquoten variieren: Estland (55 Prozent), Lettland (40 - 50 Prozent) und Litauen (25 - 30 Prozent). Lettland plant zudem eine Ausweitung der Pflicht auf Frauen. In Litauen und Lettland kommen Losverfahren zum Einsatz, falls die Freiwilligenzahlen nicht ausreichen. Als Anreiz für eine Freiwilligkeit werden Vergünstigungen geboten. Finnland weist mit 70 - 80 Prozent die höchste Beteiligungsquote auf.
Polen setzt auf eine Berufsarmee, ergänzt durch ein seit Ende 2025 laufendes Ausbildungsprogramm für bis zu 400.000 zivile Freiwillige sowie auf staatlich geförderte paramilitärische Gruppen.
- Polen: 220.000 / 300.000 (Ziel: 300.000 / 500.000)
- Finnland: 24.000 / 870.000
- Estland: 7.100 / ca. 230.000 registriert (ca. 38.800 sofort verfügbar)
- Lettland: 6.600 / 38.000
- Litauen: 17.000 / 20.000
Insgesamt verfügen die Regionen – außer Polen – über kleine stehende Armeen, stützen sich jedoch teilweise auf beachtliche Reserven, die wiederum unterschiedlich ausgebildet sind.
Abkehr von internationalen Abkommen und Kritik am Landmineneinsatz
Aus Bedrohungsangst gegenüber Russland vollziehen mehrere Staaten eine Abkehr von der regelbasierten internationalen Ordnung. So traten Finnland, Estland, Litauen und Lettland im Juni 2025 sowie Polen im August 2025 aus der Ottawa-Konvention (Landminenvertrag) aus; die Austritte wurden zum Jahreswechsel 2025/2026 vollzogen. Ein Appell von pax christi dagegen blieb unbeantwortet. Inzwischen diskutieren auch Schweden, Dänemark und Großbritannien über einen Austritt.
Militärisch und humanitär wird dieser Schritt kritisch bewertet: Landminen gelten als weitgehend ineffektiv, da sie unkontrollierbar sind, die eigene Bewegungsfreiheit einschränken und nur unter permanenter Überwachung taktischen Wert besitzen. Zudem erschwert der Einsatz von Antipersonenminen die internationale Kooperation und hinterlässt über Jahrzehnte gefährliche Altlasten, wobei die versprochene Selbstdeaktivierung moderner Minen als rhetorisches Mittel ohne effektiven Schutz eingestuft wird.
Diskussionen über nukleare Kapazitäten und Stationierungen
Die NATO-Planungsgruppe strebt einen Ausbau nuklearer Kapazitäten an, wobei Polen, Finnland und Litauen als potenzielle Stationierungsstandorte an der Ostflanke im Fokus stehen. Finnland hob im Juni 2026 das Atomwaffenverbot auf, Litauens Präsident Nausėda initiierte eine entsprechende Verfassungsänderung, und der polnische Präsident Nawrocki kündigte ein nationales Atomprogramm an. Kritisch bleiben jedoch die kaum diskutierte Gefahr einer globalen Proliferationsdynamik und Folgen für die weltweite Stabilität.
Bedrohungen ernst nehmen
Bedrohungen an der Grenze zu Russland sind ernst zu nehmen, dürfen aber nicht als alleinige Entscheidungsgrundlage für militärische Notwendigkeiten in Deutschland herangezogen werden. Hier ist sicherlich auch ab und an ein Blick in die andere Richtung hilfreich. Warum in den neuen Bundesländern nicht ähnliche Bedrohungsängste bestehen wie in den oben beschriebenen Ländern, ist sicherlich eine eigene Untersuchung wert.
Martin Pilgram ist Diözesanvorsitzender von pax christi München und Mitglied des Vorstandes von Pax Christi International.
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