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Gewalt in Israel

„Wir sind zu schießwütig geworden und versuchen, Probleme mit Gewalt zu lösen“

Im März konnten Sie wegen des Krieges der USA und Israels mit dem Iran nicht nach Deutschland kommen. Wie ist die Lage in Israel derzeit?
Für die meisten Israelis ist die Lage derzeit ruhiger. Wir kehren zur Normalität zurück. Das bedeutet zum Beispiel, dass wir wieder fliegen, nach Deutschland oder sonst wohin reisen können. Das ist schön. Es bedeutet, dass wir schlafen gehen können, ohne befürchten zu müssen, von einem Alarm geweckt zu werden, um in einen Luftschutzbunker zu rennen. Das gilt für die meisten von uns, aber es gibt Israelis, die im Norden, nahe der libanesischen Grenze leben, die nach wie vor bedroht sind und deren Leben nicht normal ist. Menschen, die früher dort gelebt haben und nicht in ihre Häuser zurückkehren können. Doch das ist nichts im Vergleich zu den Problemen, unter denen die Menschen in Gaza leiden – ohne Obdach, ohne Nahrung, ohne medizinische Versorgung. Das Leid ist unermesslich, und es fehlt nach wie vor an einer Lösung für den Frieden. Wir wissen nicht, wie es mit dem Iran weitergehen wird. Wir haben nicht wirklich ein Gefühl der Sicherheit oder das Gefühl, unser Leben selbst in der Hand zu haben.

Was muss in Gaza passieren, wie kann es in Israel weitergehen? 
Ich glaube, die meisten Israelis sind sehr verärgert über Netanjahu, und die Hoffnung, dass Netanjahu endlich abgesetzt wird, sowie die im Oktober anstehenden Wahlen – das wäre für die meisten von uns eine Erleichterung. Aber ich bin mir nicht sicher, ob die Opposition, sollte sie an die Macht kommen, genug für den Frieden tun wird. Wir befinden uns immer noch sehr stark in einer Kriegsmentalität.

Zu dieser Kriegsmentalität gehört auch die Entscheidung, in Israel die Todesstrafe wieder einzuführen. Das fand ich besonders erschreckend. Wie ging es ihnen damit?
Wir sind zu schießwütig geworden. Wir versuchen, Probleme mit Gewalt zu lösen, anstatt das Leben zu fördern oder zu schützen – sei es das Leben unserer Feinde, das Leben unschuldiger Unbeteiligter oder das Leben unserer eigenen Soldaten und Bürger. Wir sind in Panik und treffen keine guten Entscheidungen. Ja, der Gedanke, die Todesstrafe wieder einzuführen, ist schrecklich.

Sie haben gesagt, das Gebot „Du sollst nicht töten“ zählt eigentlich nicht mehr in Israel. Wie wird das in Israel heute gesehen?
Das wird schwer zu hören sein, aber ich glaube, dass dies in Israel zu einem fakultativen Gebot geworden ist. Wenn man die Gelegenheit hat zu töten, ist das in Ordnung. Es ist nicht verpflichtend, zu versuchen, Leben zu bewahren, Leben zu retten, insbesondere die von unschuldigen Menschen. Das ist eine Verrohung, eine Art Barbarei, in die wir verfallen. So wie manche Juden es auslegen, bedeutet es „Du sollst nicht morden“. Sie sagen also: „Wenn man in Notwehr tötet, ist das in Ordnung.“ Tatsächlich sagt der Text jedoch klar, dass es dem Gebot nicht um Mord geht, sondern darum, Leben zu retten. Wir müssen wieder dazu übergehen, Leben zu retten. Davon sind wir derzeit weit entfernt.

Wenn wir hier Politiker nach politischen Lösungen für den Nahostkonflikt fragen, kommt immer noch die „Zwei-Staatenlösung“, also Israel und Palästina als zwei Staaten, die nebeneinander, miteinander existieren. Ist es eine reale Lösung, eine Chance für die Zukunft?
Wir sagen, dass dieser Zug bereits abgefahren ist. Das heißt, die Idee zweier Staaten ist so weit von der Realität entfernt. Die Siedlungen im Westjordanland machen es unmöglich, in einem sinnvollen Sinne darüber zu sprechen. Die Alternative dazu ist also ein Staat, in dem wir gleichberechtigt zusammenleben. Das bedeutet, dass wir nicht mehr von Israel als einem jüdischen Staat sprechen können. Wir müssen von Israel als einem binationalen Staat aller seiner Bewohner sprechen. Ich würde auch die Rückkehr der Flüchtlinge einbeziehen. Man kann nicht mehr von der Zukunft eines jüdischen Staates sprechen. Wir sprechen von der Zukunft eines Staates beider Völker.

Haben Sie diese Hoffnung? Was macht Ihnen Hoffnung für eine solche Lösung?
Da ich einen Großteil meines Lebens mit Palästinenser:innen verbracht habe, sehe ich dies nicht nur als eine Möglichkeit, sondern als etwas Wunderbares, als etwas, das wir anstreben sollten. Und ich halte es definitiv für möglich. Ich freue mich darauf, mit Palästinenser:innen zusammen zu sein, wenn sie mich nicht als Unterdrücker oder Besatzer sehen, sondern als Partner.

Was können wir in Deutschland tun, um zu so einer Lösung näher zu kommen?
Ich denke, das dringendste Anliegen ist die humanitäre Hilfe für die Palästinenser:innen im Gazastreifen, deren Lage am dramatischsten ist. Je mehr Menschen über unser Leben in Israel und Palästina als ein Leben in Gleichberechtigung sprechen und sich nicht nur um das Überleben und den Wohlstand der Jüdinnen und Juden kümmern, sondern um das beider Völker – je mehr dies geschieht, desto besser geht es uns allen.

Jeremy Milgrom, Rabbiner in Israel, ist Mitbegründer der Rabbis for Human Rights und Mitglied bei Clergy for Peace, die sich für Menschenrechte in Israel und den besetzten Gebieten einsetzen. Er steht seit Jahrzehnten in Verbindung mit pax christi und war im Juli bei pax christi Rottenburg-Stuttgart.

Das Gespräch führte Christian Turrey, Journalist, Chefredakteur bei KIP (Kath. Kirche im Privatfunk) in Stuttgart und pax christi-Mitglied, am 3. Juli 2026.